Freitag, 13. Juli 2012

"Die Hexe als Leitbild?!" Emazipationsforschung


„ Die Hexen sind wieder da!“
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Gespräch mit Heide Staschen, 31, Historikerin

Aus Lesestraße 10/Bayerischer Schulbuch- Verlag/1992/2. Auflage/s.307-312.



"Alles began1977, in Italien. Ein junges Mädchen war vergewaltigt worden. Ein unglaublich schlimmer Fall von Vergewaltigung. Das Mädchen ist an den Folgen gestorben. Das Verbrechen hatte eine Gruppe junger Männer begangen, die nur zu ganz geringen Strafen verurteilt wurden. In dieser Nacht gingen die Frauen auf die Straße. Nachts, wovor sonst jede Frau Angst hat und wovor jeder Frau auch abgeraten wird. Sie faßten sich an den Händen, hakten sich unter, schrien laut, machten auf sich aufmerksam, um zu zeigen, wenn wir viele sind, dann brauchen wir keine Angst zu haben, auch nachts nicht.
Die Straßen hallten wider vom Geschrei der Frauen: „Zittert, zittert, die Hexen sind zurückgekehrt!“ damals fiel zum ersten Mal das Wort Hexe: strega auf italienisch. Strega ist ein ganz altes Wort, vom lateinischen striga, gleich Nachteule oder kinderstehlender weiblicher Dämon, abgeleitet.

Warum gerade die Hexe als neues Leitbild?
Natürlich, das ist ein befrachtetes Wort. Man denkt gleich an die brennenden Scheiterhaufen, an Hexenprozesse, an Verfolgungen, an Folterungen. Das ist auch einer der Gründe dafür, die Hexe als Leitbild zu nehmen, also die Beleidigung gegen denjenigen wenden, der sie benutzt.
Die Benutzung des Wortes Hexe soll auch bedeuten: Wir werden unsere Geschichte suchen, wir werden auf unsere Wurzeln zurückgehen.

Welches sind die Wurzel des Wortes Hexe?
Eine Erklärung ist die alt-nordische hagazussa, die Zaunreiterin, die auf den Zaun zweier Welten sitzt. Ein Bein in der Tagwelt, wo alles rational klar geordnet ist, das andere Bein in der Welt des Irrationalen.
Hagazussa ist in beiden Welten zu Hause. Sie bevorzugt keine, bringt sie in zu einer Einheit, einer Harmonie.

Wie ist es mit der Hexe als weiser Frau, als Kräuterkundige, als Hebamme?
Wenn Frauen auf ihre Wurzeln zurückgehen, suchen sie in der Vergangenheit etwas, das wir in unserer Gegenwart nicht haben, nämlich Macht. Welche Macht hatten Hexen? Zugeschrieben wurde ihnen immer nur die böse...

Die böse Hexe im Kasperltheater...
..die kriegt eins auf die Nase. Ganz genau. Die böse Hexe. Und es gehört auch zur Moral, dass sie eins auf die Nase kriegt. Das wissen schon die Kinder. Wenn wir an Märchen wie Hänsel und Gretel oder Rapunzel denken, am Ende muss die Bestrafung der bösen Hexe stattfinden, des bösen Daseins. Das wollten die Frauen nicht mehr auf sich beruhen lassen. Hexe gleich Macht. Ja, aber was für eine Macht? Und da erschien zur gleichen Zeit, also 1977, ein interessantes Buch von zwei amerikanischen Krankenschwestern: „Hexen, Hebammen, Krankenschwestern“. Sie ziehen die Verbindung von der Hexe zu sich selbst, den Krankenschwestern, und sagen, Hexen hatten auch ein Heilwissen.
Das war in der Frauengeschichtsforschung ein ganz wichtiger Punkt. Die positive Macht der Hexen, die bisher negiert (ablehnen, verneinen) wurde. Natürlich, Hexenforschung wurde bis dahin zu neunzig Prozent von Männern betrieben. Dieses Buch, das ja kein wissenschaftliches Buch ist, veranlaßt Historikerinnen dieser Theorie nachzugehen. Tatsächlich waren viele Frauen damals weise Frauen; Frauen, die Wissen hatten um Kräuter, Heilkunde und Abtreibung. Diese weisen Frauen wurden in der Geschichte an einem bestimmten Punkt zu Hexen gemacht, das heißt, es wurde eine Umkehrung vorgenommen, um sie und ihre Macht als böse hinzustellen. Das Wort Hexe war von Anfang an negativ besetzt: striga, der weibliche Dämon, der nachts herumfliegt und Kindern das Blut aussaugt, oder auch malefica, schlicht übersetzt: Schadenzauberin. Durch die Hexenprozesse wurden diese weisen Frauen ausgerottet.

Auch ihr Wissen?
Wir Frauen und Historikerinnen versuchen, es neu zu entdecken. Es ist sehr schwer herauszubekommen, was sie wirklich gewußt haben. Es gibt Apothekerlisten aus jener Zeit, denen man entnehmen kann, was die an Mittelchen besaßen. Diese Listen mussten sie einmal im Jahr dem Stadtamt vorlegen, das die Aufsicht über die Apotheker hatte. Daraus kann man entnehmen was die Frauen gebraucht haben. Denn sie selber haben niemals niedergeschrieben, sie haben es mündlich weitergegeben. Die Kräuterbücher, die man heute im Nachdruck bekommt, sind alle spätere Werke, noch dazu von Männern geschrieben. Das Wissen um Geburt und Abtreibung war eine Macht, an die Männer nicht herankamen: das einzige Machtmittel der Frauen in dieser Zeit. Der Vorgang der Geburt war ein sehr wichtiger Ritus (Gepflogenheit, Brauch, feierliches Ereignis), von dem Männern ausgeschlossen waren. Dieser ganze Bereich- und damit die Hebammen- war ihnen suspekt (verdächtig).

Ich erinnere mich an einen Holzschnitt von 1483, auf dem Hebammen einen Kaiserschnitt ausführen!
Ja, so etwas konnten die damals schon. Sie hatten auch einen Brutkasten. In den Bauch eines frisch geschlachteten Schweines das zu früh geborene Menschenkind hineingelegt, damit die Wärme des Tieres auf das Kind übergehen konnte. Im 16. Jahrhundert wird im Zusammenhang mit der Hexenverfolgung der Beruf der Hebamme immer stärker eingeschränkt. Zuerst machen sie ihren Kaiserschnitt alleine, dann dürfen sie ihn nur vornehmen wenn ein- männlicher -Arzt dabei ist, und schließlich machte ihn nur noch ein Arzt. Wobei interessant ist, das Hebammen heute versuchen, das Ganze wieder mehr in die Hand zu bekommen durch andere Geburtsmethoden und durch Hausgeburten. Die Frauen sind auch sehr offen dafür.

Wird nicht genauso gerne der Aspekt vergessen, dass auch zahlreiche Männer als Hexer verbrannt worden sind?
Ja, das stimmt, das waren etwa zwanzig Prozent. Richter, die sich weigerten, Frauen als Hexen zu verurteilen. Oder der Bürgermeister von Bamberg, der aufgrund interner Spannungen, aufgrund von Intrigen angeklagt wurde. Oder Männer, die nach Aussage von Hexen unter der Folter genannt worden sind. Das Muster ist ja sehr einfach: es wird gefragt, man antwortet, nein, ich bin keine Hexe (oder kein Hexer). Dann kommt die Folter ersten, Folter zweiten, Folter dritten Grades. Und irgendwann sagt man natürlich, man ist es gewesen, und schon ist die Sache geklärt. Da wurde unter der Folter gefragt, wer ist denn noch dabei gewesen bei dem Hexensabbat, und dann wurden irgendwelche Namen genannt. So daß in der Phase der Verselbständigung der Prozesse eben auch Männer mit einbezogen und verbrannt wurden, Kinder, Jungen und Mädchen, eben alle. Trotzdem halte ich es für legitim (richtig, rechtens), sich einmal nur mit Frauen zu beschäftigen. Denn es ist eine schlimme Sache, wie man schon in der Schule, in den Geschichtsbüchern den Mädchen ihre Identifikationmöglichkeit als Frau vorenthält. Als ich noch im Schuldienst war, habe ich die Geschichtsbücher an den Hamburger Schulen durchgeguckt, was da über die Hexenprozesse steht. Es wird nirgendwo auf das Wissen der weisen Frauen hingewiesen, wie der Ansatzpunkt war, sondern nur auf die Verfolgungen. Das ist doch der Widerspruch: Die Hexenprozesse sind ja nicht im Mittelalter anzusetzen, sondern in der frühen Neuzeit, die man in den Geschichtsbüchern mit Aufklärung, Humanismus gleichsetzt. Damals haben die meisten Scheiterhaufen gebrannt.

Welche Rolle spielt dabei der „Hexenhammer“ ?
Damit ging es erst richtig los. Das ist ein Werk von zwei Dominikanermönchen, 1487 veröffentlicht, das also fünfhundert Jahre alt ist. Hier wird in bösartigster Form über die Frauen geredet. Schon der Titel Maleus maleficarum, der Unholdinnen- Hammer – das Wort Hexe war noch nicht verbreitet -, sollte ausdrücken, was die Autoren vorhatten: Die Angeklagten sollten im wahrsten Sinn des Wortes zerschmettert werden, wobei für sie bewußt der weibliche Genitiv „maleficarum“, der „Unholdinnen“, gewählt worden war. Die Beschreibung der als Personifikation des Bösen machte sie verfolgbar. Wörtlich hieß e, das Weib ist nur ein unvollkommenes Tier. Das Weib ist die Einfallspforte des Bösen. Das Weib ist fleischlicher gesinnt als der Mann. Hier stehen eindeutig Sexualität, Körperlichkeit, Sinnlichkeit auf den Prüfstand. Die Hexe im Hexenhammer ist siebenfach definiert, und alle Definitionen kommen aus dem Bereich Liebesakt und Empfängnis. Hexen rufen unzügliche Leidenschaft hervor, kennen die Geheimnisse der Zeugungskraft, vollziehen Kastrationen an Jungen, rufen Mißgeburten hervor, können Abtreiben.

Eines der berühmt- berüchtigten Mittel, die Hexen angeblich zubereiten konnten, war die Hexensalbe, mit deren Hilfe die Hexen zum Sabbat flogen.
Mit der Hexensalbe ist das folgendermaßen: In historischen Hexenprozessen wurde festgestellt, daß einige Frauen die sogenannte Schmierseife hatten. Es wurden auch Bestandteile genannt. Bilsenkraut und Tollkirsch unter anderem. Dies sind Naturdrogen, wie wir heute sagen, die nicht nur tödlich sein können, sondern – in der richtigen Dosis angewendet – Halluzinationen hervorrufen. Die wurden verwendet. Und nun kommt die große Frage, wofür ? Eigentlich nur dafür, um den Frauen zu ermöglichen, zumindest im Rausch aus ihrer Situation herauszukommen. Da gibt es ein Gerichtsprotokolll von einer Frau , die als Hexe angeklagt war. Die Richter und Mönche wollten von ihr wissen, ob sie mit Hilfe dieser Salbe wirklich fliegen könne. Wobei immer unterstellt wurde, daß die Hexe zum Mixen dieser Salbe die Körper neugeborener Kinder verwendeten. Hier wieder der Bezug zur Hebamme. Die Angeklagten wurden also in einen Trog in der Mitte des Raumes gesetzt, Hexenrichter und Mönche drumherum. Sie wurde mit der Salbe an den geheimen Stellen eingerieben was schlicht bedeutet: da wo die Blutzirkulation am stärksten ist, wo die Salbe gleich ein ziehen kann. An den Handgelenken, Achselhöhlen, zwischen den Schenkeln.
Die Mönche guckten nun zu und warteten, was passierte. Das ist in einem Protokoll aus der Zeit genau festgehalten. Die Frau fing an sich zu bewegen, sich ganz eigenartig zu gebärden und orgastische Schreie auszustoßen. Die Mönche zwickten und piecksten sie nun mit Nadeln, um zu sehen, ob sie reagieren und das alles nur spielen würde. Aber sie reagierte nicht.
Als die Frau schließlich aufwachte, wurde gefragt: „Na, wo bist du gewesen?“ Sie erzählte ihnen eine Geschichte vom Blocksberg, wie sie dahin geflogen sei und was sie alles erlebt hatte. Und da konnten die Mönche natürlich sagen: „Ätsch, stimmt nicht, warst die ganze Zeit hier.“
Das Interessante daran ist, daß 1960 der Volkskundler Peukert, der sich mit Hexensagen befaßte, einen Selbstversuch machte. Nach einem alten Rezept braute er sich eine Hexensalbe zusammen, rieb sich damit ein, ein Freund von ihm auch; dann sind beide in verschiedene Zimmer gegangen, um getrennt aufzuschreiben, was sie erlebten. Bei den Rezepten, die Peukert vorliegen hatte, mußte er natürlich bestimmte Zutaten beiseite lassen, die nur dazu dienten, einen gruseligen Aspekt hineinzubringen. Spinnenschleim oder so etwas. Aber man mußte sehr genau wissen, welche von diesen ekligen Sachen auch wirklich eine Funktion hatten. Nehmen sie diesen Spruch: „Adlerauge, Krötenschleim tu‘ ich in den Topf hinein.“ Adlerauge bewirkt nichts. Aber Krötenschleim - - das hat man inzwischen herausbekommen – ist ein wichtiger Bestandteil. Er ist nicht nur dabei, wie man zu erst dachte, weil eine Kröte ein ekliges, glitschiges Tier ist, sondern Chemiker stellten fest, daß Kröten einen bestimmten Stoff absondern, der Halluzinationen hervorruft.
Gut, Peukert und sein Freund haben sich also damit eingerieben. Irgendwann morgens wachten sie völlig verkatert auf und schrieben, jeder in seinem Zimmer für sich ohne ein Wort gewechselt zu haben, auf, was sie erlebt hatten. Und beide Protokolle waren fast identisch! Fratzen seien auf sie zugekommen; sie sahen Farben ein großes Licht, das sich hin und her bewegte, und sie erlebten – wie es in dem Artikel so schön heißt – „groteske (verzerrt, zum Lachen reizend) sinnliche Ausschweifungen“. Nun mag es darauf zurückzuführen sein, daß sie sich beide mit diesen Thema befaßt hatten und mit einer gewissen Erwartung in diese Experiment gegangen sind. Aber auf jeden Fall ist festzuhalten, daß beide aufgrund dieser Salbe Halluzinationen hatten. Die man schon als Teufelsfratzen erklären kann, wenn man an die Aussage der historischen Hexen denkt.

Sie sprachen noch von einer anderen Wurzel des Wortes Hexe, die weiter zurückgeht als in das Mittelalter.
Ja, hagedisse. Hag ist auch das Wäldchen, der Hain in dem Die göttlichen Jungfrauen der Germanen ihren Gottesdienst verrichteten. Diese anderen Erklärungen des Begriffs Hexe könnten bedeuten, daß Hexen Anbeterinnen einer frühen Muttergottheit gewesen sind."

Gisela Graichen

Kommentare:

  1. Danke für diesen tollen Artikel, den jeder lesen sollte, der gegenüber Frauen Vorurteile empfindet..

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    1. Dankeschön!
      Ich finde ihn ebenfalls sehr spannend und informativ.

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  2. Spannender Artikel, habe ich gerne gelesen!

    Liebe Grüsse
    Joanna

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  3. Das ist sehr schön! Danke dir, Joana!

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Danke für deinen Kommentar! Ich freu mich schon ihn zu lesen.